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Learntec 2016 - Rückblick

04.02.2016 von Ingrid Dethloff (937 views)

Drei Tage Kongress und parallel die Fachmesse mit ihren vielfältigen Veranstaltungen haben mir viele neue Eindrücke gebracht, gerade auch aus verwandten Gebieten wie „E-Learning in Firmen“ oder „E-Learning an Schulen“. Hingegen sind mir wirklich neue Techniken oder Entwicklungen nicht begegnet - im Gegenteil ist mein Eindruck eher, dass die diesjährigen Themen wie Serious Games & Gamification, Mobile Learning, Learning Analytics schon länger dabei sind und vielleicht auch aus Kostengründen etwas stagnieren.

Über mangelnde Besucherzahlen wird sich die Learntec wohl nicht beschweren können: An allen drei Tagen waren Messehalle und Kongress gut gefüllt. Vielleicht liegt das auch daran, dass man derzeit nirgendwo an dem Thema „Digitalisierung“ vorbeikommt - sowohl im Hochschul- als auch im Businessbereich.

Dieses Jahr ganz neu bei der Learntec war der Themenkomplex university@LEARNTEC mit vielen (Grundsatz-)Vorträgen zu E-Learning im Hochschulbereich. So berichtete dort auch Ministerialdirektorin Schwanitz über Digitalisierungsinitiativen des MWK Baden-Württemberg (E-Science, IT Infrastruktur Hochleistungsrechnen, Konzept E-Learning). Das kürzlich von den BW-Hochschulen in Zusammenarbeit mit dem MWK erstellte Grundsatzpapier zu E-Learning (auch unter dem Begriff „Fachkonzept E-Learning“ bekannt) ist nun über die MWK-Webseiten frei zugänglich, s. https://mwk.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-mwk/intern/dateien/publikationen/Broschuere_E-Learning.pdf
Aus Bayern kam ein sehr detaillierter Bericht über das Geschäftsmodell der schon seit 2000 bestehenden „Virtuellen Hochschule Bayern“. Die VHB ist keine eigenständige Hochschule sondern eine gemeinsame Einrichtung der bayerischen Hochschulen, hat auch kein eigenes Medienzentrum sondern nutzt und fördert die Infrastruktur ihrer Trägerhochschulen. Umfangreiche Supportstrukturen für Lehrende (Projektmanagement, Einführungsworkshops, ausgebildete E-Tutoren, Qualitätssicherungsmaßnahmen) sowie Geldmittel im Umfang von max. 45.000 Euro (2 SWS) bis 65.000 Euro (4 SWS) zur Entwicklung eines Kurses auf VHB, der dann von allen bayerischen Hochschulen genutzt werden kann, sind für Dozenten durchaus attraktiv. Derzeit stehen dort für Studierende aus Bayern online 417 Kurse in 15 Fächergruppen zur Verfügung (besonders Medizin und Jura haben eine hohe Nachfrage). Das Alleinstellungsmerkmal der VHB sei die Kooperation aller Hochschulen in Bayern, die über die VHB integrale Teile eines Studiums anbieten und das bei gesicherter Nachhaltigkeit, so Herr Rühl auf der Learntec. Die bayerischen Hochschulen zahlen dabei einen eher symbolischen Beitrag pro Semester / Student; der Hauptanteil der Finanzierung erfolge über mehrere Millionen aus dem Staat Bayern. (s.a. http://www.vhb.org/startseite/)

Ein Beispiel der Zusammenarbeit von Hochschulen aus dem Ausland ist die zentrale französische MOOC-Plattform FUN (Start Juni 2013). Prof. Mongenet berichtete über die erfolgreiche Wandlung „From a start-up like project to a public organization“ der auf Open edX basierenden MOOC-Plattform. Auch dort werden Lehrenden, die einen Kurs erstellen wollen, umfangreiche Services angeboten. (s.a. https://www.france-universite-numerique-mooc.fr/)

Ein großes Thema auf der Learntec waren Sensoren. Bezüglich der Themen „Mobile Learning“ und „Learning Analytics“ wurde von mehreren Referenten sensorbasiertes Lernen thematisiert (Vitaldaten, Umgebungsdaten) - hier eröffnen sich viele Möglichkeiten. Die Wirtschaft sieht im Kontext der Digitalisierung und Industrie 4.0 im Silicon Valley den Trend „Kundenerlebnis schlägt Effizienz“, die Entstehung von neuen digitalen Services besonders im Gesundheitsbereich sowie die Vernetzung von Menschen und Maschinen mit einer ganz anderen Art des Lernens am Arbeitsplatz. Mikrotrainingsmodule könnten bei komplizierten Arbeitsvorgängen, die man nicht häufig macht, unterstützen (z.B. Operationsfahrplan via Brille eingeblendet).

Learning Analytics ist nicht nur vom Datenschutz her ein schwieriges Feld - mein Eindruck war auch, dass Manche unter diesem Begriff Dinge verstehen, die wir sowieso schon seit Jahren machen und die damit nicht gemeint sind (einfaches Zur-Verfügung-Stellen von Quizfragen oder Lernpfaden). Einige Hochschulen hingegen haben gerade umfangreiche mehrjährige Projekte zu Learning Analytics laufen. Ein wesentliche Schwierigkeit bei Learning Analytics sei auch die vor Ort noch fehlende Kompetenz zu „Data Analytics“, so die Einschätzung der Donau Universität Krems, die von ihrem xAPI-Schnittstellen-Projekt mit „Personal Data Locker“ berichtete, wo neben Moodle-Aktivitäten zusätzlich über die Webbrowser-Daten auch informelles Lernen erfasst werden soll und der Lernende dabei die Datenhoheit hat. (s.a. http://www.donau-uni.ac.at/de/aktuell/presse/archiv/22440/index.php)
Interessant könnte auch das gerade gestartete BMBF-Projekt „LISA“ werden (Learning Analytics für sensorbasiertes adaptives Lernen), das mehrere Projektpartner aus Hochschulen und Unternehmen umfasst und das sich des Themas sowohl technisch, pädagogisch (passende didaktische Konzepte und Methoden) als auch rechtlich annimmt, wie Prof. Fortenbacher von der HTW Berlin berichtete.

Beim adaptiven Lernen sollen Methoden des klassischen Lernens auf den Computer übertragen werden - Herausforderungen sind dabei: Der Computer als Lernbegleiter, Unterstützung bei der Auswahl geeigneter Lernangebote, Erkennen einer Lernsituation, Erkennen des Lernerzustands.
Ein interessantes Beispiel für adaptives Lernen wird im EU-Forschungsprojekt INTUITEL behandelt: Ein virtueller Tutor für beliebige LMS soll flexibel generierte Lernempfehlungen geben: Diese werden generiert über Eigenschaften des Lerners, Metadaten der Lernobjekte sowie gemessene Dinge wie Bandbreite etc. Voraussetzung ist, dass vorab vom Lehrer Makro- und Mikropfade definiert wurden und dass das Lernmaterial mit Metadaten versehen wurde - Ontologien werden dabei per Editor erstellt. (s.a. http://www.intuitel.de/)

Ein Themenkomplex auf der Learntec waren auch Serious Games und Gamification. Da die Entwicklung von Serious Games offenbar so teuer ist wie die Entwicklung von Entertainment Games, sehe ich hier eigentlich keine große Zukunft fürs Thema im Hochschulbereich. Mit Serious Games werden spezielle Kompetenzen gefördert, die sich gezielt auf bestimmte Anwendungsfelder übertragen lassen. Bemerkenswert fand ich die Information, dass gewisse Spiele (obwohl gar nicht dafür gedacht) positive Wirkungen z.B. in Schmerz- oder Traumatherapie haben. Eines der Forschungsprojekte, das auf der Learntec vorgestellt wurde, heißt „RAKOON“ und stellt eine Weiterbildung mithilfe eines Serious Games dar: Dabei wurde in Kooperation mehrerer Hochschulen und Firmen ein Game-Based-Learning-Applikation-Prototyp zur Kompetenzentwicklung im Bereich „Offene Organisationen“ entwickelt. „Eddies Teambuilding“ soll als Kombination von Game und moderiertem Präsenzworkshop Kollaboration und Kommunikation für die Industrie 4.0 fördern. (s.a. http://www.openorganisation.de/)

Ein kurzer Ausflug in das E-Learning an Schulen durfte nicht fehlen; auf der Learntec gab es in der Messehalle an allen drei Tagen ein mehrstündiges Vortragsproramm. Meine Auswahl begrenzte sich aus Zeitgründen auf zwei Berichte aus Baden-Württemberg und ich war beeindruckt von den engagierten Lehrern, die durch die digitalen Möglichkeiten einen ganz anderen Unterricht anbieten: Der eine Vortrag behandelte die umfassende Nutzung von E-Portfolios via Mahara und der andere Vortrag die eindrucksvollen Medien-Aktivitäten (medial gestützte Selbstlernphasen) der Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe. (s.a. http://www.ers-karlsruhe.de/medienschule/#Medienschule)

In Firmen bestehen im Kontext E-Learning andere Bedürfnisse, z.B. haben WBTs einen weitaus höheren Stellenwert als im Hochschulbereich. Je nach Zielgruppe sind natürlich andere Szenarien gefragt und mancherorts kostet der Verzicht auf Reisen zu Präsenztrainings Überzeugungskraft. Bei den besuchten Vorträgen aus dem Firmenbereich (Aspekt “Der E-Learning-Manager heute”) ragte für mich der Vortrag der KPMG heraus, in dem sehr differenziert darüber berichtet wurde, wie eine interne E-Learning-Agentur aufgebaut wurde, die parallel weiterhin noch externe Dienste in Anspruch nahm. In kürzester Zeit wurden so 30 qualtitativ hochwertige Fachthemen-WBTs erstellt, die bei den KPMG-Mitarbeitern auf große Zustimmung stießen.

Der Besuch der Learntec hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt - auch der Austausch mit Fachkollegen war natürlich ein wichtiger Aspekt. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie vielfältig das Thema “E-Learning” doch ist und welche Herausforderungen uns dabei noch bevorstehen - es wird nicht langweilig werden.

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